Ukraine-Krieg

Saluschnyj rechnet mit Selenskyj ab: „Tiefer Riss“ wegen gescheiterter Gegenoffensive

Der Ex-Armeechef wirft Kiew strategische Fehler vor, berichtet von einer dubiosen SBU-Aktion und befeuert Spekulationen über eine mögliche Nachfolge Selenskyjs.

Saluschnyj, heutiger Botschafter in London, übt scharfe Kritik an Präsident Selenskyj und verteidigt seine Strategie der Gegenoffensive 2023.
Saluschnyj, heutiger Botschafter in London, übt scharfe Kritik an Präsident Selenskyj und verteidigt seine Strategie der Gegenoffensive 2023.Danylo Antoniuk/imago

Der frühere Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte, Walerij Saluschnyj, erhebt schwere Vorwürfe gegen Präsident Wolodymyr Selenskyj. In einem Interview mit der amerikanischen Nachrichtenagentur Associated Press macht Saluschnyj politische Fehlentscheidungen für das Scheitern der ukrainischen Gegenoffensive im Sommer 2023 verantwortlich. Außerdem spricht der Ex-Armeechef erstmals offen über einen „tiefen Riss“ zwischen ihm und Präsident Selenskyj.

Saluschnyj, inzwischen ukrainischer Botschafter im Vereinigten Königreich, schildert, dass der ursprüngliche Operationsplan zur Gegenoffensive gemeinsam mit Nato-Partnern ausgearbeitet worden sei. Ziel sei gewesen, die verfügbaren Kräfte in einer „einzigen Faust“ zu bündeln, um in der Region Saporischschja durchzubrechen und bis zum Asowschen Meer vorzustoßen. Damit hätte die russische Landbrücke zur Krim, vergleichsweise früh im nun schon vier Jahre andauernden Krieg, durchtrennt werden sollen.

Intrigen: Was hat Saluschnyj mit einem Stripclub zu tun?

Voraussetzung für den Erfolg seien eine massive Kräftebündelung, ausreichend Material und ein Moment taktischer Überraschung gewesen. Doch genau daran habe es aus seiner Sicht gefehlt. „Selenskyj und andere Beamte wollten die dafür erforderlichen Mittel nicht bereitstellen“, moniert Saluschnyj.

Statt die Truppen an neuralgischen Punkten zu konzentrieren, habe die politische Führung in Kiew die Ressourcen auf mehrere Frontabschnitte verteilt – unter anderem auch rund um Bachmut, so Saluschnyj. Dadurch sei die Schlagkraft der ukrainischen Armee entscheidend geschwächt worden, meint er. Zwei westliche Verteidigungsbeamte bestätigten gegenüber der AP demnach Saluschnyjs Darstellung. Selenskyj hatte das Scheitern der Gegenoffensive zuvor mit verzögerten Waffenlieferungen westlicher Partner und Personalmangel erklärt.

Besonders brisant sind Saluschnyjs Schilderungen eines Vorfalls im September 2022. Während der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive im Nordosten des Landes seien Agenten des ukrainischen Inlandsgeheimdienstes SBU in sein Kiewer Büro eingedrungen. Offiziell auf Grundlage eines Durchsuchungsbefehls wegen eines angeblichen Stripclubs, der sich früher an dieser Adresse befunden habe.

Saluschnyj spricht von einem Einschüchterungsversuch. Dutzende Beamte seien wenige Stunden nach einem angespannten Treffen im Präsidialamt erschienen. Und das zu einem Zeitpunkt, als sich auch britische Offiziere in seinem Hauptquartier aufgehalten hätten. Er habe den damaligen mächtigen Leiter des Präsidialamtes, Andrij Jermak, angerufen und gewarnt. „Ich sagte zu Jermak, dass ich diesen Angriff abwehren würde, weil ich weiß, wie man kämpft“, so Saluschnyj.

Der SBU erklärte später, es habe sich um Maßnahmen im Rahmen eines anderen Ermittlungsverfahrens gehandelt; es seien keine Durchsuchungen durchgeführt worden. Saluschnyj hingegen hält den Stripclub-Verweis für einen konstruierten Vorwand der Behörden.

Saluschnyj: Wird er der nächste Präsident der Ukraine?

Seit seiner Entlassung als Armeechef im Februar 2024 gilt Saluschnyj als möglicher politischer Rivale Selenskyjs. Hintergrund ist vor allem seine enorme Popularität in der Bevölkerung: Nach den erfolgreichen Gegenoffensiven bei Charkiw und Cherson 2022 wurde er für viele Ukrainer zur Symbolfigur des militärischen Widerstands. Medien wie die Ukrajinska Prawda beschrieben ihn wiederholt als „General des Volkes“, als nüchternen, professionellen Militär, der sich nicht in politische Inszenierungen drängen ließ.

Die Spannungen zwischen Saluschnyj und Präsident Selenskyj traten spätestens Ende 2023 offen zutage. Auslöser war unter anderem ein viel beachteter – und vor allem mit Kiew unabgesprochener – Essay Saluschnyjs im britischen Economist über die militärische Pattsituation, in dem er strukturelle Probleme und technologische Defizite ansprach. Beobachter im politischen Kiew werteten das als indirekte Kritik an der politischen Führung. Am Dnjepr kursierten damals Berichte über Kompetenzstreitigkeiten, unterschiedliche Einschätzungen zur Mobilisierung sowie über die Frage, wie offensiv oder defensiv die Militärstrategie 2024 ausgerichtet sein sollte.

Seine Abberufung im Februar 2024 wurde offiziell mit einer „Neuausrichtung“ der Militärführung begründet. Kritiker sahen darin jedoch den Versuch, einen zu eigenständigen und populären General zu entmachten. Kurz darauf wurde Saluschnyj zum Botschafter in London ernannt. Ein prestigeträchtiger Posten, den manche Analysten zugleich als eleganten Weg interpretierten, ihn aus dem innenpolitischen Machtzentrum zu entfernen.

Seitdem hat sich Saluschnyj öffentlich betont staatsmännisch gegeben. Er vermied direkte Angriffe auf Selenskyj und erklärte wiederholt, er sei Soldat geblieben. „Solange der Krieg nicht vorbei ist, werde ich nicht über Politik reden“, sagte er. Gleichzeitig mehren sich Spekulationen über eine mögliche Kandidatur bei künftigen Wahlen. Umfragen internationaler Institute sehen ihn in hypothetischen Szenarien teils knapp vor Selenskyj.

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