Der Chef des estnischen Auslandsgeheimdienstes hat mit bemerkenswerten Aussagen aufhorchen lassen. Kaupo Rozin, Generaldirektor des estnischen Auslandsnachrichtendienstes, erklärte in einem Interview mit dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR, Russland plane derzeit keinen Angriff auf die baltischen Staaten oder auf das Nato-Bündnis insgesamt.
„Was wir heute sehen, ist, dass Russland nicht die Absicht hat, einen der baltischen Staaten oder die Nato in einem breiteren Sinne anzugreifen“, sagte Rozin. Moskau versuche vielmehr, offene Konfrontationen mit dem westlichen Militärbündnis zu vermeiden. Diese Einschätzung ist insofern überraschend, als Estland seit Jahren zu den schärfsten Kritikern Russlands zählt, massiv aufrüstet und den Wehrdienst vor allem mit der Bedrohung durch Russland begründet.
„Es ist klar, dass Russland die Nato respektiert“
Laut Rozin hat Russland sein Verhalten aufgrund der Nato-Strategie in der Region spürbar angepasst. Frühere Zwischenfälle wie die Beschädigung von Unterseekabeln, Drohnenflüge oder das Eindringen von Militärflugzeugen in den Luftraum von Nato-Ländern hätten, so Rozin, zu einer vorsichtigeren russischen Vorgehensweise geführt.
So seien die Flugrouten russischer Drohnen über der Ukraine verändert worden, um Risiken zu minimieren. Auch russische Militärflugzeuge würden über der Ostsee ihre Routen inzwischen „sehr präzise“ einhalten, um Zwischenfälle zu vermeiden. Seit dem Start einer speziellen Nato-Mission zum Schutz kritischer Infrastruktur habe es zudem keine weiteren Kabelvorfälle gegeben.
Meistgelesene Artikel
„Es ist klar, dass Russland die Nato respektiert und derzeit versucht, jede offene Konfrontation zu vermeiden“, sagte Rozin. Zwar schließe die hohe militärische Aktivität in der Region weitere Zwischenfälle nicht aus, eine gezielte Eskalation sei jedoch momentan nicht erkennbar.
Die Aussagen des Geheimdienstchefs stehen im Kontrast zu anderen öffentlichen Verlautbarungen aus Tallinn. Erst am 24. Dezember kündigte der Außenminister an, estnische Soldaten würden das Feuer eröffnen, sollten russische Soldaten die Grenze überschreiten. Estland hat eine rund 300 Kilometer lange Grenze zu Russland, die in den vergangenen Monaten zunehmend befestigt wurde: Panzersperren wurden errichtet, Zäune hochgezogen.
Baltische Staaten bauen Verteidigungslinie auf
Parallel dazu hat Estland mit dem Bau militärischer Schutzanlagen begonnen. Nach jüngsten Angaben des Estnischen Zentrums für Verteidigungsinvestitionen haben die vorbereitenden Arbeiten für die ersten fünf Bunker begonnen, die der Sicherung der Grenze dienen sollen. In den kommenden Monaten sollen 23 weitere Schutzräume entstehen. Bis Ende 2027 plant die Regierung den Bau von bis zu 600 Bunkern im Nordosten und Südosten des Landes. Sie sollen vor allem Soldaten vor direkten Treffern durch Artilleriegranaten schützen. Zusätzlich ist der Aushub eines 3,4 Kilometer langen Panzergrabens vorgesehen.